Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Der Pastor aus Pötrau

1634, Dreißigjähriger Krieg

 

„Wer da?“ Pastor Pistorius lief eilig durch den Mittel-gang zur Pforte der Kirche von Pötrau, da er von dort klopfende Geräusche vernahm.

„Lasst uns ein, wir sind die kaiserlichen Soldaten“, erhielt er zur Antwort.

„Wollt Ihr beten? Dies ist ein Gotteshaus“, erwiderte der Pastor. Er vernahm das Lachen von Männern und Klirren von schweren Waffen.

„Klar wollen wir beten“, kam die Antwort prompt zu-rück. Erneut erscholl Gelächter. Die Knie des Pastors be-gannen zu zittern. Er überlegte. Was sollte er machen? Vielleicht wollten die Soldaten des Kaisers tatsächlich beten? Er durfte ihnen den Einlass nicht verweigern, denn die Kirche war für jeden Gläubigen zugänglich. Leise schlich er zurück zum Altar. Hier hatte er, seitdem die Zeiten unruhig und kriegerisch waren, eine Muskete versteckt, die er vor einigen Tagen bei einem Spaziergang auf dem Feld fand. Vorsichtig holte der die Waffe hervor und schlich abermals zur Pforte der Kirche. „Wenn Ihr beten wollte, werde ich Euch natürlich Einlass gewäh-ren“, sagte er mit zittriger Stimme.

„Und wenn du uns keinen Einlass gewährst, so wer-den wir uns diesen verschaffen.“ Dieses Mal folgte kein Lachen, sondern lediglich das Klirren von Metall.

Pastor Pistorius griff in seine Kuttenfalten und holte den schweren Eisenschlüssel, der an einer Kordel hing, hervor. Mit zittrigen Fingern steckte der den Schlüssel in das grobe Schloss der Pforte. „Ich werde Euch aufschlie-ßen“, sagte er und fingerte mit der rechten Hand am Tür-schloss. Mit der linken Hand versuchte er die Muskete hinter seinem breiten Rücken zu verbergen.

Endlich ließ sich die Tür öffnen. Die Soldaten dräng-ten herein. Dabei stießen sie Pastor Pistorius mitsamt der Pforte an die Wand. Ohne sich weiter um ihn zu küm-mern, rannten die Männer direkt zum Altar. „Nehmt alles mit, was wertvoll ist“, befahl einer der Männer. „Der Kai-ser verlangt seinen Tribut.“

„Halt!“ Pastor Pistorius eilte nach vorn. Dabei vergaß er, die Muskete hinter seinem Rück zu verstecken. „Das ist ein Gotteshaus“, schnaufte er.

„Was will der Kautz denn?“, fragte einer der Soldaten und lachte laut. „Kannst du überhaupt mit der Waffe um-gehen?“

Pater Pistorius sah auf seine Hand, in der er die Mus-kete hielt. „Ich … ich …“, stotterte er.

„Gibt her und mach dich aus dem Staub“, sagte ein anderer Soldat. „Wir sind im Auftrag des Kaiser hier“, fügte er hinzu.

„Gott ist unser Kaiser“, sagte der Pater. „Niemand darf sich auf seine Stufe stellen. Ihr befindet euch im Haus Gottes und Ihr seid dabei, Euren Herrn zu beste-hen.“

„Wirf die Waffe rüber“, erwiderte der Soldat scharf, „und hör mit deinem Geschwätz auf. Du stiehlst uns un-sere Zeit.“ Er wollte nach der Muskete greifen. Pastor Pistorius hielt diese eisern fest, hob sie langsam hoch und zielte auf den Soldaten. „Du willst doch nicht etwa ab-drücken.“ Wieder lachte der Soldat und die anderen fie-len darin ein.

„Ihr bestehlt unseren Herrn“, flüsterte der Pastor. Seine Hände zitterten. Niemals zuvor hatte er eine Waffe auf einen Menschen gerichtet. Auch jetzt würde er es nicht wagen abzudrücken.

„Reicht mir die Waffe“, sagte der Soldat in ruhigem Ton und kam auf Pater Pistorius zu. Im gleichen Moment klirrte ein riesiger vergoldeter Kerzenständer auf den Steinboden. Pastor Pistorius erschrak und krampfte die Hände zusammen. Im selben Moment ging ein Schuss aus der Muskete los. Der Soldat, der kurz vor ihm stand, sackte in sich zusammen. Seine Kumpanen blickten un-gläubig auf. Noch ehe die Soldaten sich von dem Schreck-en erholen konnten, eilte Pastor Pistorius den Mittelgang entlang. Außerhalb der Kirche, hinter einem Mauervor-sprung versteckte er sich. Am ganzen Körper zitternd wartete er ab, was mit ihm geschehen würde. Angst-schweiß lief ihm den Rücken hinunter. Aber niemand schien ihn zu suchen. Stattdessen herrschte unter den Soldaten eine große Aufregung, als sie ihren offenbar toten Anführer hinaustrugen, auf ein Pferd packten und davonritten.

 

Anmerkung:

Die kaiserlichen Soldaten nahmen Rache. Die Pasto-rate in Pötrau und Büchen wurden eingeäschert, beide Kirchen schwer beschädigt. Pastor Pistonus msste flie-hen. Sechs Jahre lang gab es in Büchen und Pötrau kei-nen Pastor.

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