Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Rose von Roseburg

„Wenn es weiterhin so kalt bleibt, werden wir noch im Mai im Schnee sitzen.“ Deprimiert trat Desmona ans Fenster, blickte den dicken Schneeflocken nach, die sich lautlos zu den anderen gesellten. „Nicht ein Krokus ist zu sehen, nicht eine Osterglocke.“

Ihre Freundin Kathi trat hinter sie. „Du hast dich auf deinen Garten gefreut und darauf, dass im März alles blüht, nicht wahr?“

Desmona senkte den Kopf. „Sie wird es nicht überle-ben.“

„Wer?“ Kathi strich der Jüngeren über die Schultern.

„Meine Rose.“ Desmona wies mit dem Finger hinaus. Auf der kleinen Rasenfläche stand einsam ein winziges Stämmchen, deren verkümmerte Ästchen vereist waren. „Ich dachte, ich würde sie durchbringen.“ Desmona warf sich ein dickes, grobes Tuch über.

„Wo willst du hin?“ Kathi folgte ihr.

„Hinaus.“ Desmona öffnete die quietschende Hütten-tür. Schneeflocken bliesen ihr ins Gesicht. Geschützt in einer Ecke stand ein Jutesack mit Torf. Sie füllte einen Trog und stapfte über den weiß bedeckten Rasen. Vor-sichtig strich sie den Schnee von den Trieben. „Ich würde dich gerne mit hinein nehmen“, flüsterte sie, „aber dort wird es dir nicht gefallen. Ich wünschte mir so sehr, dass du diesen Winter überlebst. Ich glaube, die ganze Welt ist gegen uns.“ Mit bloßen Händen wischte sie den Schnee rund um die Wurzeln weg und bedeckte anschließend die befreite Stelle mit Torf. „Vielleicht wärmt es dich ein we-nig“, sagte sie. „Mehr kann ich im Moment nicht für dich tun.“ Noch einmal strich sie zärtlich über die vereisten Ästchen. „Du hast es verdient zu überleben. Ich habe es mir so sehr gewünscht, als du im Herbst als Letz-te übrig bliebst, dich niemand auf dem Jahrmarkt in Siebenei-chen haben wollte. Sicher, du warst klein und mickrig, aber deshalb bist du nicht gleich zum Sterben verurteilt.“

 „Desmona, komm rein! Du holst dir da draußen den Tod!“ Kathi stand unter der niedrigen Pforte.

„Sofort!“, rief Desmona zurück. „Meine liebe Rose, versprich mir, dass du nicht sterben wirst, bitte“, flüs-terte isie. „Nur noch ein paar Tage, dann wird die Sonne scheinen und die Erde sich erwärmen. Du wirst spüren, wie Leben durch deine Adern fließt, du wirst groß und stattlich werden, du wirst das Schönste für mich sein, was ich je in meinem Leben besessen habe.“

„Desmona, nun komm endlich!“

„Gleich!“ Desmona verteilte den restlichen Torf, stand auf und ging langsam in die Hütte. Rose ließ sie allein in der Kälte stehen.

 

„Kathi! Kathi, komm schnell!“ Der Schnee war ge-schmolzen, auf der Wiese vor der Hütte zeigten sich endlich die ersten Krokusse. Desmona stand vor ihrem Rosenbäumchen. „Sie bekommt Knospen. Sie überlebt.“ Vorsichtig strich ich über die Äste, an denen kleine, fri-sche Sprieße erkennbar waren. „Rose hat es geschafft.“ Eilfertig holte sie noch etwas Torf und verteilte ihn gleichmäßig ins Erdreich. „Kathi, du wirst sehen, sie wird die schönste Rose unserer Gegend.“ Tag für Tag sah sie zu, wie die kleinen Sprieße größer wurden, sich Blätter entfalteten und anschließend Knospen bildeten. Desmona war gespannt, wie ihre „Rose“ aussehen würde.

Die Krokusse und Osterglocken waren längst wieder in ihr Erdreich zurückgekehrt, als die erste Blüte von Rose aufsprang, dunkelrot, samtig und gefüllt.

„Kathi! Schau, wie schön sie ist!“ Vorsichtig strich sie mit dem Finger über den zarten Flaum. „Ich hab’s ge-wusst, sie wird überleben.“

Einen Monat später stand plötzlich ein Fremder vor der Hütte. Er bewunderte den Rosenbaum. Desmona ging hinaus. „Was führt Euch zu uns?“, fragte sie argwöh-nisch.

„Was hast du für ein schönes Rosenstöcken. Wo hast du es her?“ Der Fremde strich über die Rosenblätter. „Weißt du überhaupt, was du hier für ein Kleinod stehen hast?“, fragte er Desmona und blickte sie mit seinen dunklen Augen eindringlich an.

„Kennt Ihr Euch mit Rosen aus?“, fragte Desmona.

„Aber sicher.“ Er beugte sich vor. „In meinem Land besitze ich viele Rosen“, sagte er und lächelte. „Ich liebe Rosen. Du solltest mich mal besuchen kommen und dir meine Rosen ansehen. Aber diese hier“, er wies auf Rose, „ist etwas ganze Besonderes.“

„Ich weiß“, erwiderte Desmona.

„Du weißt?“ Er zog eine Augenbraue hoch.

„Für mich ist sie etwas Besonderes“, erklärte Desmo-na. „Letzen Herbst habe ich sie auf dem Jahrmarkt in Siebeneichen erworben. Alle Blumen waren bereits ver-kauft. Rose stand versteckt in einer Ecke, völlig ausge-trocknet. Der Händler packte bereits seinen Karren. ‚Junge Frau’, sagte er zu mir, ‚der Verkauf ist beendet. Da hättest du früher kommen müssen.’

‚Und was ist mit der da?’, fragte ich ihn.

‚Das ist Müll’, meinte der Händler und trat gegen die Wurzeln. ‚Daraus wird nichts mehr.’

‚Gebt mir die Pflanze’, beharrte ich. ‚Ich werde sie wieder zum Leben erwecken.‘

‚Wie du willst.’ Er überreichte mir die Pflanze. ‚Du wirst damit kein Glück haben.’

‚Vielleicht doch. Wenn ich ihr gut zurede.’

Der Händler lachte mich aus. ‚Du bist wohl eine von denen, die mit Blumen sprechen kann, was?’

Ich pflanzte Rose hierher, packte sie warm ein. An-schließend kam ein harter Winter. Ich glaubte am Ende selbst, dass Rose nicht überleben würde, ging täglich hinaus, redete auf sie ein, deckte sie mit Torf ab. Nun seht selbst.“ Desmona zeigte stolz auf ihre Rose.

„Kennst du ihren Namen?“, fragte der Fremde.

„Ihr Name ist Rose“, erwiderte Desmona. „Einfach Rose.“ Plötzlich stutzte sie. „Ihr kommt mir bekannt vor“, sagte sie leise. „Seid Ihr nicht der Händler, der im vori-gen Jahr auf dem Jahrmarkt in Siebeneichen mir diese Pflanze gegeben hat?“

Im Nu verwandelte sich das vorher freundliche Gesicht des Fremden zu einer hässlichen Grimasse. „Die Rose heißt Lillith. Sie ist ein besonders schönes Exemplar.“ Der Fremde richtete sich zu voller Größe auf.

Desmona erschrak. „Ihr wolltet Rose vertrocknen las-sen!“

Lillith war einst ein wunderschönes Mädchen. Sie wollte mir nicht zu Willen sein. Ich habe sie in eine Rose verwandelt. “

Rose lebt und sie ist wunderschön“, flüsterte Desmo-na.

„Pah, sie ist nur eine Rose“, erwiderte der Zauberer. „Aber auch du bist wunderschön. Komm mit mir.“

Verstohlen blickte sich Desmona um. Kathi stand in der Tür und beobachtete sie. „Nein“, erwiderte Desmona hart, „ich lasse weder Kathi noch Rose allein. Sie ist mir zu einem Kind geworden. Hier im Ort ist mein Leben.“

„Wie du meinst“, erwiderte der Zauberer. Er packte die Enden seines langen dunklen Mantels und schwang ihn über Desmona.

„Nein!“, schrie Kathi und rannte zu dem Rosenstöck-chen. „Was habt Ihr gemacht?“ Desmona war verschwun-den, stattdessen hockte ein schwarzer Rabe vor dem Ro-senstock. „Verwandelt meine Freundin sofort wieder zu-rück!“, befahl sie. „Sie hat niemandem etwas Böses an-getan.“

„Sieh zu, wie du jetzt mit deiner Vogelfreundin klar kommst“, lachte der Zauberer und packte den Stamm des Rosenbäumchens, um ihn herauszuziehen. „Au“, jaulte er plötzlich und fiel in sich zusammen. Ungläubig sah Kathi, wie er kleiner und kleiner wurde und am Ende nur ein Staubhäufchen vor dem Rosenstamm übrigblieb.

Kathi bückte sich. „Desmona, was hat er mit dir ge-macht?“, jammerte sie und strich zart über die dunklen Federn des Raben.

„Ich weiß es nicht“, sagte Desmona traurig, doch nur ein Krächzen kam aus ihrer Kehle. Kathi hatte sie nicht verstanden.

„Ich kann dir helfen“, sagte plötzlich eine besonders starke Rosenknospe.

„Wie?“, krächzte Desmona.

„Fliege auf einen meiner Stämme“, erklärte Rose. „Du musst dich an einen meiner Dornen stechen. Ich kann zwar nicht den ganzen Zauber aufheben, aber ich kann dir helfen, von Zeit zu Zeit eine menschliche Gestalt an-zunehmen.“

Desmona beäugte das Rosenbäumchen. Dann breitete sie zaghaft die Flügel aus, flatterte erst unbeholfen auf und ab, bis sie es schaffte, auf einem Rosenzweig zu lan-den.

„Jetzt drück einen Fuß in einen meiner Dornen“, sagte Rose.

Zaghaft tapste Desmona ein Stück weiter. Dann drück-te sie eine ihrer Klauen in einen Dorn. Blut tropfte her-aus. Sofort fiel sie auf den Boden.

„Desmona, da bist du ja wieder“, hörte sie Kathi rufen, die sich sofort zu ihr hinunter beugte. „Welch ein Glück.“

„Danke, liebe Rose“, flüsterte Desmona.

„Ich kann nicht den ganzen Zauber auflösen“, erklärte die Blume. „Du wirst immer nur kurzzeitig deinen menschlichen Körper annehmen können, dann verwan-delst du dich wieder in einen Raben. Aber du wirst zu-künftig mit Zauberkräften, Klugheit und Weitsicht aus-gestattet sein. Das ist mein Dank an dich.“

„Wer bist du?“, fragte Desmona und strich sanft über die Blütenblätter.

„Prinzessin Lillith. Ich wohnte einst in einem König-reich in einem fernen Land. Der Zauberer entführte mich.“

„Wie kann ich dir helfen?“

„Niemand kann mir helfen“, seufzte Rose. „Der Zauberer ist tot. Er hat sich an einen meiner Dornen gestochen, die er selbst vergiftet hat. Aber du hast mir mein Leben wiedergeschenkt. Dafür bin ich dankbar.“

„Und du mir das meine wiedergegeben“, sagte Des-mona. „Ich werde dich hegen und pflegen. Deine Nach-kommen sollen unser ganzes Land bedecken. Alle Men-schen werden dich lieben.“

Und so geschah es. Im ganzen Ort verbreite Desmona die Nachkommen von Rose. Überall blühte es in Hülle und Fülle. Desmona nannte den Ort „Roses Burg“, aus dem später Roseburg wurde. Desmona selbst flog in den Wald. Nur von Zeit zu Zeit nahm sie eine menschliche Gestalt an, um ihre Freundin Kathi zu besuchen.

Desmona hatte fortan die Gabe, sich sowohl mit Pflan-zen als auch mit Tieren zu unterhalten. Und so konnte Desmona auch Edelgard und Gerold aus Siebeneichen helfen und von Wodo befreien. Roseburg war und blieb Desmonas Reich, das sie sorgsam bis heute bewacht.

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