Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Magnus' letzten Tage auf der Ertheneburg

     Mühsam humpelte Magnus Billunger, Herzog von Sachsen, über den Burghof bis zum südlichen Ende der Mauer. Hier war keine Einfriedung und von hier aus hatte er den besten Ausblick über den Fluss bis hin zum anderen Ufer. An dieser Stelle hatte Magnus eine stei-nerne Bank bauen lassen, um in Frieden und Ruhe die Aussicht zu genießen. Viel zu selten war er in all den Jahren auf der Ertheneburg gewesen.

     Es war ein schwülwarmer Tag im August. Seit eini-gen Wochen fühlte sich Magnus nicht wohl, er war kurzatmig geworden und die Gelenke taten ihm weh. Zu allem Unglück besuchte seine Tochter Wulfhild mit ihrem Mann Heinrich, genannt der Schwarze, mit-samt ihren vier Kindern den alten Mann. Sie war wie-der schwanger, als ob sein Schwiegersohn nichts anderes zu tun hatte, als Kinder in die Welt zu setzten. Wulfhild wusste genau, dass ihr Vater Kindergeschrei nicht ausstehen konnte.

     Magnus ließ sich mit einem Aufstöhnen auf die Bank nieder und blickte über die Elbe, die friedlich in ihrem Bett dahinfloss. Er konnte sich vorstellen, warum Hein-rich mit seiner Familie ihm einen Besuch abstattete. Er erhoffte sich die Übernahme des Herzogtums Sachsen und das möglichst vor dem Tode seines Schwiegerva-ters. Klug war sein Schwiegersohn, hatte er seinen Sohn ebenfalls Heinrich genannt, wohl nach Kaiser Hein-rich, mit dem Magnus Zeit seines Lebens im Streit lag.

     Aus dem Hauptgebäude der Burg erscholl lautes Kindergeschrei. Wulfhild hatte offenbar alle Hände voll zu tun, ihrer Kinderschar Herr zu werden. ‚Geschieht ihr Recht‘, dachte Magnus und schmunzelte. Plötzlich vernahm er neben sich ein Geräusch. Er sah auf. Sein vierjähriger Enkel Heinrich kam schüchtern näher.

„Setz dich“, sagte Magnus und wies neben sich. Der kleine Junge kletterte auf die Bank. „Schöner Ausblick“, erklärte Magnus und zeigte mit der Hand über die Elbe. „Vielleicht wirst du einmal Herr dieser Burg.“ Der Junge nickte, schwieg aber. Sehr zum Gefallen von Magnus.

     Der alte Mann blickte auf den blonden Schopf des Knaben. Der Junge war kräftig gebaut. Wahrscheinlich würde er es einmal weit bringen, überlegte Magnus. Ihm selbst war es nicht vergönnt gewesen, einen Nachfolger in die Welt zu setzen. Nur zwei Töchter.

     Damals heiratete er aus politischen Gründen im Alter von fünfundzwanzig Jahren Sophia, eine Tochter des ungarischen Königs Béla. Ursprünglich sollte sie den Markgrafen Wilhelm IV. von Meißen heiraten, doch dieser erkrankte kurz vor der Hochzeit und starb. Sein Neffe Markgraf Ulrich I. von Weimar-Istrien-Krain sprang für ihn ein und ehelichte die damals erst vier-zehnjährige Königstochter. Sophia bekam mit Ulrich vier Kinder. Ulrich starb nach nicht einmal acht Jahren Ehe und Magnus heiratete die sehr junge Witwe, die er zuvor nicht zu Gesicht bekommen hatte.

     Der kleine Heinrich stieß Magnus an und zeigte über die Elbe. „Das sind Händler“, erläuterte der alte Mann. „Sie überqueren den Fluss, um ihre Waren nach Lübeck zu bringen.“ Der Knabe nickte, als ob er es verstanden hätte.

     Magnus versank erneut in seine Gedanken. Damals, als Einundzwanzigjähriger, war er ein richtiger Kämp-fer gewesen. Er vertrieb mit Waffengewalt den Bischof Adalbert von Bremen, der ein beratender Begleiter des Kaiser Heinrich III. war, ein Feind der Billunger, die ihre Macht ausweiten wollten. Um die Rückkehr in seine Diözese zu erreichen, musste Adalbert großen Besitzstellungen seiner Kirche als Lehnsübertragungen an Markus übergeben. Durch diesen Besitzzuwachs schuf Markus die Voraussetzung, um neben seinem Vater und dessen Bruder, Graf Hermann, seine eigen-ständige politische Handlungsfähigkeit zu verstärken. Markus näherte sich anschließend Otto von Northeim, dem damals bedeutendsten sächsischen Fürsten. Dieser erhob sich 1070 gegen Heinrich IV. dem ältesten Sohn des Kaisers. Als Freund von Otto unterstütze Magnus diesen Aufstand gegen das Kaiserhaus und heiratete zur Absicherung seiner Macht Sophia aus dem ungarischen Könighaus.

     Doch bevor er sein neues Eheleben richtig auskosten konnte, mussten sich Otto und Markus im Jahre 1071 König Heinrich unterwerfen. Otto erhielt bald seine Freiheit zurück, aber Magnus blieb Gefangener des Königs. Sogar als 1072 sein Vater starb und er sein Erbe hätte antreten müssen, ließ Heinrich ihn nicht frei. Be-mühungen seines Onkels Hermann blieben ebenfalls ohne Erfolg. Heinrich hasste Magnus und Magnus hasste Heinrich. Magnus seufzte bei den Erinnerungen an den Kerker auf.

     „Ist Euch nicht wohl?“, fragte der Kleine Heinrich fürsorglich.

     „Mir ist wohl“, erwiderte Markus, „lediglich schmer-zen meine alten Knochen.“ Markus versank wieder in seinen Erinnerungen. Erst achtundzwanzigjährig konn-te er durch den sächsischen Aufstand im Jahre 1073 seine Freiheit zurückgewinnen. Die herrschaftliche Stellung Heinrichs in Sachsen brach zusammen. Magnus‘ Onkel konnte ihn im Austausch gegen die von ihm in Lüneburg eingeschlossene königliche Burgbesat-zung befreien. Erst jetzt konnte er seine Ehe vollziehen und im Jahre 1075 wurde seine erste Tochter Wulfhild geboren.

     Diese Freiheit währte allerdings nicht lange. Im glei-chen Jahr musste sich Magnus in der Schlacht bei Homburg an der Unstrut geschlagen geben und erneut Heinrich unterwerfen. Abermals wurde er in Haft ge-nommen. Allerdings musste ihn König Heinrich nach seiner Exkommunizierung in der ersten Hälfte des Jahres 1076 freilassen. Erst Heinrichs Gang nach Ca-nossa im Jahre 1077, wo er sich dem Papst unterwarf, wurde er vom Bann gelöst.

     Aufgrund politischer Unzufriedenheit mit der Herr-schaft Heinrichs wurden auf den Fürstentagen die Ge-genkönige Rudolf von Rheinfelden und Hermann von Salm gewählt. Magnus schlug sich auf die Seite von Ru-dolf. Bei einer erneuten Schlacht gegen Heinrich geriet Magnus‘ Onkel Herrmann in Gefangenschaft. Magnus konnte unter Verlust seiner gesamten Ausrüstung gera-de noch einmal entkommen.

     In den nächsten Jahren gab Magnus nach und ver-ständigte sich mit dem inzwischen zum Kaiser gewähl-ten Heinrich. Auch näherte er sich seiner Frau Sophia wieder an, die ihm im Jahre 1080 die weitere Tochter Eilika gebar. Bereits im Jahre 1987 war er beim Hofe des Kaisers in Aachen und wurde dort offiziell als „Dux Saxonie“, Herzog von Sachsen, geführt. Nachfolgend führte ihn öfters der Weg nach Aachen.

     Nun war Heinrich vor ein paar Tagen gestorben. Boten hatten die Nachricht überbracht. Aber er, Mag-nus, lebte noch. Wieder seufzte der alte Mann.

     „Ist Euch wirklich wohl?“, fragte der kleine Heinrich erneut.

     „Mir ist wohl“, gab Magnus unwirsch zurück und versuchte aufzustehen.

     „Ich stütze Euch“, meinte der Junge, rutschte von der Bank und stellte sich aufrecht vor Magnus. „Legt ruhig Eure Hand auf meine Schulter. Ich bin kräftiger als Ihr denkt“,

     Magnus legte seine Hand auf die schmale Schulter des Knaben. Langsam schritten beide über den Burghof zum Haupthaus zurück.

     Zwei Tage später starb Magnus auf der Ertheneburg, sechzehn Tage nach seinem fast lebenslangen Wider-sacher Kaiser Heinrich. Die Güter gingen an seine Töchter, doch Magnus‘ Schwiegersohn erhielt nicht den erhofften Titel „Herzog von Sachsen“. Der neue König Heinrich V. setzte überraschend den Grafen Lothar von Süpplinburg (den späteren König Lothar III.) als Herzog in Sachsen ein.

 

Nachtrag:

Der kleine Heinrich wurde später „Heinrich der Stolze“ genannt. Er heiratete 1127 im Alter von ungefähr fünf-undzwanzig Jahren die erst zwölfjährige Tochter von König Lothar III. Als Gertrud fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, wurde ihr Sohn Heinrich, der spätere Heinrich der Löwe, geboren. Kurz vor König Lothars Tod im Jahre 1137 verlieh er seinem Schwiegersohn das Herzogtum Sachsen und machte ihn zu seinem Nach-folger. Heinrich der Stolze wurde aber nie zum König gewählt, sondern starb im Jahre 1139 an einer Krebs-erkrankung.

 

Heinrich der Löwe, der Urenkel von Magnus, setzte im Jahre 1181 auf der Flucht vor Kaiser Friedrich Barbarossa die Ertheneburg in Brand.

Heinrich der Löwe und Friedrich Barbarossa waren miteinander verwandt, denn bereits um 1120 heiratete Judith, eine Tochter Heinrich des Schwarzen und Schwester unseres kleinen Heinrich des Stolzen Friedrich II von Schwaben aus dem Hause der Staufer. Judith war die Mutter des späteren Kaisers Friedrich I. Barbarossa und Heinrich der Vater von Heinrich der Löwe.

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