Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Die lauenburgischen Schwestern

1709

     „Du kannst doch nicht in dieser Ruine bleiben.“ Anna Maria Franziska stand auf, blickte aus dem Fenster in die zerstörte Stadt Ettlingen.

     „Bist du hergekommen, um das festzustellen?“, frag-te die Markgräfin Franziska Sibylla Augusta. „Oder was verschafft mir die Ehre deines Besuches?“ Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid. Die Markgräfin war in Trauer. Vor zwei Jahren war ihr Mann Ludwig Wilhelm nach einer Kriegsverletzung gestorben und nun, zwei Jahre später, ihr Sohn Wilhelm Georg Simpert. Das Kind war nicht einmal sechs Jahre alt geworden. Er war bereits das sechste Kind, das sie zu Grabe tragen musste.

     „Komm zurück nach Böhmen, nach Schlackenwerth. Hier ist Krieg.“ Anna Maria Franziska wandte sich ihrer Schwester zu.

     „Krieg ist schon lange“, gab Franziska Sibylla Augus-ta zur Antwort. „Natürlich machen mir die Kinder Sor-gen und die Gefahr der immer wieder einfallenden Franzosen ist sehr groß. Kurz nach Ludwig Wilhelms Tod schrieb ich einen Bittbrief an den Kaiser, er möge sein Versprechen an den verstorbenen Markgraf ein-halten, im Falle seines Todes für die Kinder zu sorgen, doch der Kaiser riet mir lediglich, nach Böhmen zu-rückzukehren. Aber ich gehe nicht. Hier ist mein Zu-hause und hier habe ich meine Pflichten zu erfüllen.“

     „Du bist starrköpfig“, erwiderte Anna Maria Franzis-ka. „Du hast auch Verpflichtungen gegenüber deinen drei verbliebenen Kindern.“

     „Erzähl mir lieber von dir und deinem Leben“, sagte die Markgräfin und wies auf einen leeren Stuhl.

     „Über mich gibt es nicht viel zu berichten.“ Anna Maria Franziska setzte sich umständlich und zupfte ihr vornehmes Kleid zurecht. „Nachdem die Vermittlungs-versuche des Erzbischofs in Prag im Auftrag von Papst Clemens XI. gescheitert waren, haben mein Mann und ich uns endgültig getrennt. Gian Gastone de’ Medici ist zurück nach Florenz gereist. Ein widerlicher Mensch.“ Anna Maria Franziska verzog angeekelt ihren Mund.

     „Wirst du zurück nach Reichstadt gehen?“, fragte Sibylla.

„Natürlich. Du weiß, dass ich das Hofleben hasse und lieber meine Zeit auf dem Land verbringe. Ich liebe das Reiten und das Jagen. Deshalb rate ich dir, komm mit nach Böhmen.“

    Die Markgräfin ging nicht darauf ein und fragte wei-ter: „Was macht deine Tochter Karoline? Wie alt ist sie jetzt?“

     „Sie wird sechzehn. Es ist an der Zeit, ihr einen ge-eigneten Heiratskandidaten zu suchen.“ Anna Maria Franziska lachte amüsiert auf.

     „In diesem Alter war ich bereit verheiratet“, sann die Markgräfin nach.

     „Wenn ich dich daran erinnern darf, dein Mann war ursprünglich vom Kaiser für mich bestimmt worden“, erklärte Anna Maria Franziska.

     „Ich weiß, aber wir liebten uns“, gab Sibylla Augusta zu verstehen. „Bis zum Schluss. Bei einer arrangierten Heirat ist das nicht immer der Fall.“ Die Markgräfin versank in Gedanken. Als ihr Vater, Herzog Julius Franz, starb, war sie gerade mal vierzehn Jahre alt ge-wesen, ihre Schwester Anna Maria Franziska siebzehn. Ihr Vater hatte kurz vorher die Vormundschaft über die beiden Mädchen testamentarisch an Kaiser Leopold übertragen. Obwohl die Schwestern ihre Kinder- und Jugendzeit in Schlossen Schlackenwerth verbracht hat-ten, mussten sie nach dem Tod des Vaters zu einer Tan-te nach Schloss Reichstadt umziehen.

     Kaiser Leopold hatte es eilig, seine Vormundschaft wieder los zu werden. Bereits vier Monate nach Herzog Julius Franz‘ Tod kam Anfang Januar der erste vom Kaiser bestimmte Heiratskandidat nach Reichstadt. Es war Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. Er war für ihre Schwester Anna Maria Franziska bestimmt. Sie selbst sollte seinen Cousin Prinz Eugen heiraten. Sofort verliebte sich Sibylla Augusta in den stattlichen, gutaus-sehenden Markgrafen, obwohl er zwanzig Jahre älter war als sie. Auch dem Markgrafen schien sie zu gefal-len, denn Ludwig Wilhelm ließ sich von der Wahl des Kaisers nicht beirren. Bereits vier Tage nach seinem Besuch fand die Verlobung mit ihr statt. Die Hochzeit wurde für Mitte Mai geplant. Anna Maria Franziska tobte. Sie fühlte sich erniedrigt und herabgesetzt. Sie weigerte sich, den zweien Kandidaten Prinz Eugen zu ehelichen.

     Sibylla Augusta zog ein Taschentusch aus ihrem Är-mel und trocknete die herablaufenden Tränen. Sie kam über den Tod ihres Mannes nicht hinweg. So viele Schicksalsschläge musste sie zusätzlich in all den Jah-ren einstecken. Das Schloss in Rastatt war nach vielen Jahren der Bauzeit gerade fertig geworden. Endlich konnten sie es beziehen. Ludwig Wilhelm hatte nur zwei Jahre Freude daran gehabt und auch Sibylla musste kurz darauf für den Franzosen nach Ettlingen flüchten. Die Markgräfin seufzte auf.

     „Hast du vor, noch einmal zu heiraten?“, fragte Anna Maria Franziska neugierig. „Du bist erst zweiunddrei-ßig, eine der besten Partien im Land und dein Mann seit zwei Jahren tot.“

     Ungläubig blickte die Markgräfin ihre Schwester an. „Nein“, erwiderte sie scharf. „Nach Ludwig Wilhelm kommt für mich kein weiterer Mann in Frage. Ich bin Regentin von Baden.“

     „Wäre ich an deiner Stelle ich würde es tun. Aber ich bin mit diesem Ungeheuer Gian Gastone liiert und der Papst hebt die Ehe nicht auf.“ Unwirsch trat sie gegen ein zierliches Stuhlbein. „Weißt du, was er bei den Ver-handlungen in Prag sagte?“

     „Du wirst es mir bestimmt erzählen“, flüsterte Sibylla Augusta.

     „Er bezeichnete mich als unmögliche Hexe und wür-de nicht daran denken, mich in Florenz zu empfangen, falls ich dorthin käme.“ Sie schnaufte durch die Nase. „Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet und leben ge-nauso lange getrennt. Ich in Reichstadt, er in Florenz. Ich denke gar nicht daran, ihn zu besuchen.“ Wieder schnaufte sie durch die Nase. „Er neigt dem Alkohol sowie der Knabenliebe zu, außerdem homosexuell und völlig impotent.“

     Die Markgräfin zuckte bei den harten Worten ihrer Schwester zusammen. „Du hattest schöne Ehejahre mit deinem ersten Mann“, warf sie kleinlaut ein.

     „Philipp Wilhelm“, überlegte Anna Maria Franziska. „Er war erst vierundzwanzig, als ein bösartige Fieber ihn befiehl und er sterben musste. Im gleichen Jahr starb unsere kleine Tochter Leopoldine, fast gleichzeitig kam Karoline zur Welt.“

     „Ich habe inzwischen sieben Kinder verloren. Vor wenigen Wochen den kleinen Wilhelm Georg. Er ist nur sechs Jahre alt geworden.“ Sibylla Augusta schluchzte erneut auf. „Jetzt sind mir noch drei Kinder geblieben.“ Ihr Gesicht nahm einen zärtlichen Ausdruck an. „Lud-wig Georg ist jetzt sieben, Marie Johanna fünf und Au-gust Georg drei.“

     „Du musstest viel leiden“, sagte Anna Maria Franzis-ka sanfter. „Du trägst eine große Verantwortung für die Kinder und dein Land.“ Sie rückte näher an ihre Schwester heran. „Ich weiß, wie schmerzhaft es ist, ein Kind zu verlieren. Ich vermisse Leopoldine sehr.“

     „Ich habe keines meiner Kinder vergessen“, erklärte Sibylla und unterdrückte ihre Tränen. „Ich war nicht mal siebzehn Jahre alt, da hatte ich bereits eine Fehl-geburt“, sprach sie weiter. „Wie jung ich damals war.“ Sie lächelte verlegen. „Dann starb Leopold Wilhelm. Er wurde nur sechs Monate alt. Drei Monate später kam Charlotte auf die Welt. Sie wurde nur vier Jahre alt. Karl Joseph brachte es gerade bis zum sechsten Lebens-jahr. Wilhelmine wurde zwei und Luise starb mit sechs Jahre. Jetzt habe ich auch noch Wilhelm Georg verlo-ren.“

     Anna Maria rückte näher an ihre Schwester heran. „Du hattest viele Verluste zu verkraften“, sagte sie mit-leidig. „Und ich jammere hier wegen meines unsägli-chen Ehemannes herum. Ich hätte nicht auf meine Schwägerin Anna Maria Luisa hören sollen. Auch wenn sie eine Medici ist. Sie wollte ihren unfähigen Bruder mit mir verkuppeln, in der Hoffnung, dass ich den Medici’s einen männlichen Erben gebäre.“

     „Du darfst nicht so hart mit ihr umgehen“, erwiderte Sibylla. „Sie ist eine gute Frau und liebt ihren Mann. Auch wenn sie keine Kinder bekommt.“

     „Nun ja. Ich werde wieder zurück nach Reichstatt ge-hen, mich um meine Tochter Karoline kümmern und mich dem Landleben widmen.“ Sie lachte amüsiert auf.

     „Du hast mir noch nicht gesagt, was dein Besuch in Ettlingen bedeutet“, fragte Sibylla.

     „Es gab keinen Grund. Ich wollte dich sehen und dir sagen, dass ich dich nicht beneide und dir auch nicht mehr böse bin, dass du mir meinen Hochzeitskandida-ten vor der Nase weggeschnappt hast.“ Sie strich der Schwester über die Schulter.

     „Ich würde so gerne mal meine Geburtsheimat be-suchen. Kannst du dich noch daran erinnern?“

     Anna Maria lachte leise auf. „Damals war ich erst vier Jahre alt. Vater hatte einen Tierpark in der Nähe von Lauenburg angelegt, den wir oft besuchten. Ich glaube, der Ort hieß nach seinem Namen: Juliusburg. Danach zogen wir nach Schlackenwerth. Vier Jahre später starb Mutter. Vater kümmerte sich nicht um uns und überließ unsere Ausbildung dieser Gräfin Polixena von Werschowitz, die es nur auf Vaters Vermögen ab-gesehen hatte. Ich hasste sie Als Vater starb war unsere Jugend vorbei.“ Anna Maria seufzte auf.

     „Ich mochte sie ebenfalls nicht“, gab Sibylla zu. „Sie lehrte uns nur Konversation nach höfischer Etikette in Malerei und Musik. Außerdem bevorzugte sie dich.“

     „Warst du eifersüchtig?“, fragte Anna Maria.

     „Gar nicht. Großvater kümmerte sich viel um mich. Er brachte mir Schreiben, Lesen, Französisch, Geogra-phie und Geschichte bei. Ich durfte in die Schule der Piaristen gehen. Dort habe ich viel gelernt.“

    „Leider mussten wir nach Vaters Tod Schlackenwerth verlassen und nach Schloss Reichstadt gehen.“ Anna Maria zog eine Augenbraue hoch. „Heute liebe ich Schloss Reichstadt. Es ist mir zu einer Heimat gewor-den.“

     „Ich erinnere mich an meine Heirat mit Ludwig Wil-helm. Sie fand auf Schloss Raudnitz statt. Da Ludwig Wilhelms Stammsitz in Baden-Baden von den Franzo-sen zerstört worden war, durften wir einen Seitenflügel von Schloss Schlackenwerth beziehen. Erst drei Jahre später lernte ich meine zukünftige badische Heimat kennen.“ Sibylla sah aus dem Fenster. Die Sonne schien. Heute liebte sie diese Region. Sie wollte nicht zurück nach Schlackenwerth.

     „Ich lernte Philipp Wilhelm kennen. Wir heiraten sehr bescheiden auf Schloss Raudnitz, da vorher sein Vater gestorben war. Ich bedauere, dass er so früh von mir ging. Ich zog zurück nach Schlackenwerth.“

     „Schlackenwert wurde mir übertragen“, bemerkte Sibylla. „Kurz nach unserer Heirat musste Ludwig Wil-helm in den Krieg gegen die Osmanen. Er ließ mich al-lein. Plötzlich brannten Teile Schlosses. Wir begannen, es neu aufzubauen. Schöner und prachtvoller als vor-her. Wir nannten es das „Weiße Schloss.“ Ludwig Wil-helm musste in den großen Türkenkrieg ziehen. Er ge-wann die Schlacht bei Slankamen. Ich war stolz auf ihn und schrieb ihn fast täglich. Ich vermisste ihn sehr. Deshalb hatte ich viel Zeit, mich um meine Interessen zu kümmern und begann mit der Verwaltung unserer Güter. Um nicht so viel allein zu sein schickte mich Ludwig Wilhelm an den Hof des Kaisers. Dieses Leben gefiel mir nicht. So beschloss ich, Ludwig Wilhelm zur Seite zu stehen und zog mit ihm von Feldlager zu Feldlager. Diese Zeit war sehr anstrengend.“

     „Und du warst noch sehr jung“, warf Anna Maria ein.

     „Später auf unseren Reisen starben meine Kinder, zwei davon in Günzburg. Als Wilhelmine geboren wur-de, ging ich zurück nach Schlackenwert, um von hieraus die Baufortschritte unserer neuen Residenz in Rastatt zu beaufsichtigen. Bereits kurze Zeit darauf war das Schloss soweit hergerichtet, dass wir einen Nebenflügel bewohnen konnten. Endlich kehrte mehr Ruhe ein. Nach und nach konnten wir die weiteren Räume fertig-stellen lassen. Unsere nächsten Kinder wurden hier geboren. Leider hat Ludwig Wilhelm nicht viel davon gehabt. In der Schlacht gegen die Franzosen wurde er schwer verwundet und zu mir nach Rastatt gebracht. Ich habe ihn bis zu seinem letzten Atemzug gepflegt und um ihn geweint und gebetet. Noch vor seinem Tod übertrug er mir die Regentschaft über Baden. Luise starb im gleichen Jahr. Nun habe ich unseren Sohn Wilhelm Georg zu Grabe tragen müsse.“

     „Aus dem Grunde bin ich hier“, erklärte Anna Maria. „Komm zurück nach Böhmen, nach Schlackenwerth. Die Zeiten sind unsicher. Überall Krieg.“

     „Nur die Kinder machen mir Sorgen, da die Gefahr der immer wieder einfallenden Franzosen groß ist. Kurz nach Ludwig Wilhelms Tod schrieb ich einen Bittbrief an den Kaiser, er möge sein Versprechen an den ver-storbenen Markgraf einhalten, im Falle seines Todes für die Kinder zu sorgen, doch der Kaiser riet mir lediglich, wieder nach Böhmen zurückzukehren. Aber ich will nicht. Hier ist mein Zuhause.“

     „Überlege es dir gut. Ich bleibe ein paar Tage, dann reise ich wieder nach Böhmen. Pack ein paar Sachen und komm mit.“

 

Anmerkung:

Franziska Sibylla blieb in Rastatt, flüchte aber mehr-mals in das nahegelegene Schloss nach Ettlingen. Im November 2012 handelte Prinz Eugen im Schloss Rastatt einen Friedenvertrag aus, während Franziska Sibylla Augusta in Ettlingen weilte. Im Jahre 1714 wurde der Frieden von Rastatt geschlossen, der den spanischen Erbfolgekrieg beendete.

1727 übergab Franziska Sibylla ihrem Sohn, Markgraf Ludwig Georg Simpert, die Regierungsgeschäfte und zog sich auf ihren Witwensitz nach Schloss Ettlingen zurück.

Am 10. Juli 1733 starb Franziska Sibylla Augusta im Alter von 58 Jahren in Ettlingen. Sie wurde am 12. Juli 1733 in der Schlosskirche Rastatt beigesetzt.

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