Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Der wilde Mann von Lütau

     Goswin blickt zum Himmel. „Wir sollten Rast ma-chen“, sagte er zu Sindolf, der neben ihm auf dem Pfer-dekarren saß. „Es sieht nach einem Gewitter aus.“ Er zeigte auf eine dicke Wolkenwand. „Vielleicht können wir dort hinten Unterschlupf finden.“ Goswin wies mit dem Kopf auf eine wenige hundert Meter entfernte An-siedelung.

     „Das Dorf des L'ut (Lütau)? Da kriegen mich keine zehn Pferdekarren hin.“ Sindolf grinste.

     „Wenn wir weiterziehen, überrascht uns das Unwet-ter auf offener Strecke“, erwiderte Goswin. „Die Gefahr, von Räubern überfallen zu werden, ist viel größer, wenn wir mit den Pferdekarren im Morast stecken bleiben.“

     „Kann sein“, brummte Sindolf wenig begeistert.

     „Warst du schon mal hier?“, wollte Goswin wissen. Er schätzte den erfahrenen Führer der Salzfuhrwerke, der bereits viele Jahre die fast einhundert Kilometer lange Strecke von Lüneburg nach Lübeck und zurück gefahren und meist an die zehn Wochen unterwegs war. Goswin selbst fuhr den Weg erst zum zweiten Mal. Er war froh, diese Arbeit bekommen zu haben, denn seine Frau Gelsa hatte ihm ein Kind geboren und sie brauch-ten dringend das Geld, auch wenn es eine harte Arbeit und er wenig zu Hause war.

     „Man sagt, dass es das Dorf des wilden Mannes ist“, knurrte Sindolf. „Ich habe hier vor nicht ganz zwei Jah-ren Rast gemacht“, gab er eher unfreiwillig Auskunft.

    „Hast du den wilden Mann gesehen?“, fragte Goswin weiter. „Ist dir etwas zugestoßen?“ In der Ferne grum-melten die ersten Donner, Blitze erhellten den bestän-dig schwärzer werdenden Himmel. Unwillkürlich duck-te sich Goswin.

     Sindolf zuckte ebenfalls zusammen. Auf seiner Stirn bildeten sich Sorgenfalten. „Du hast Recht“, meinte er widerwillig. „Wir sollten im Dorf Zuflucht suchen.“ Er drehte sich um und rief den Männern der folgenden Fuhrwerke zu, dass sie im Dorf rasten und das Unwet-ter abwarten wollten.

     Goswin atmete erleichtert auf. Er fühlte sich mit der wertvollen Salzladung auf offener Strecke nicht wohl. Die Gefahr, von Räubern überfallen zu werden, war groß. Nicht selten hatte er davon gehört und manch ein Mann kehrte von seiner Reise nicht zurück.

     Langsam rumpelten die mit Salzfässern beladenen Pferdekarren auf das Dorf zu. Die ersten Regentropfen durchnässten die Kleidung der Männer, als sie den Dorfeingang erreichten. Ein alter, gebeugter Mann, der sich schwer auf einen Stock stützte, stand neben der Hütte zur Einfahrt.

     „Wagst du es tatsächlich, unser Dorf unsicher zu ma-chen, Sindolf?“, fragte er herrisch. „Du hast dich lange nicht sehen lassen, obwohl du regelmäßig vorbeiziehst, wie wir beobachten konnten.“

     Goswin sah Sindolf irritiert an. Sollte das der wilde Mann sein, vor dem der Treckführer Angst zeigte?

     „Das Salz muss immer schneller nach Lübeck“, erwi-derte Sindolf leise. „Die Salzfürsten lassen uns wenig Zeit zum Rasten.“

    „Damals hattest du Zeit genug“, erwiderte der alte Mann. Er zog eine junge Frau vor den Hütteneingang, die ein etwa einjähriges Kind auf dem Arm hielt. Ein wollenes Tuch schütze es vor den Regentropfen. „Sieh her“, sagte der Greis und hob den Stock. Sindolf duckte sich, als ob er einen Schlag erwartete. „Das ist dein Sohn Ulf, den du damals gezeugt hast. Finja weinte sich die Augen aus dem Kopf, als sie feststellte, dass du sie auf deinen Reisen nicht mehr besuchtest und unseren Ort miedest.“

     Die junge Frau trat näher an den Karren und reichte das Bündel zu Sindolf hinauf. „Dein Sohn“, sagte sie lei-se, als der Treckführer unwillkürlich nach dem Knaben griff.

     „Ich wusste nicht…“, stotterte Sindolf und blickte verlegen Goswin an, der ein Lachen kaum unterdrü-cken konnte. Das war also der wilde Mann, vor dem sein Wagenführer so viel Angst hatte.

 

(c) Monique Lhoir

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