Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Der Rabe von Siebeneichen

     In einem kleinen Dorf namens Siebeneichen im Herzogtum Lauenburg im Nor-den Deutschlands, lebte Gerold mit seiner Gemahlin Edelgard. Die junge Frau war von sanfter Anmut und zierlicher Gestalt. Ihr schwarzes, langes Haar trug sie stets unter einem weißen Spitzenhäubchen verborgen. Gerold liebte sie über alles und wünschte sich nichts sehnlicher, als bald einen Sohn zu bekommen.

     Nun begab es sich, dass Gerolds Land angegriffen wurde und es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Heer von Heinrich dem Löwen in den Krieg zu ziehen. Da er die junge Edelgard nicht allein in Siebeneichen zurücklassen wollte, gab er sie in die Obhut seines jüngeren Bruders Wodo, der einen kleinen Hof in Roseburg besaß. Die letzte Nacht verbrachten Gerold und Edelgard eng umschlun-gen, und als der Morgen graute, nahmen sie voneinander Abschied.

     Es dauerte gar nicht lange, da verliebte sich Wodo unsterblich in die schöne Edelgard. Weil er schon immer neidisch auf den älteren Gerold gewesen war und ihn hasste, da der statt seiner den großen Hof in Siebeneichen geerbt hatte, be-schloss er, Edelgard für sich zu gewinnen. Er fasste sich ein Herz und gestand ihr seine Liebe. Doch Edelgard wies in voller Abscheu zurück, zumal sie in ihrem Leib neues Leben spürte.

     Wodo machte sich daraufhin auf, um die Hexe Desmona um Rat zu fragen. Als er nach dreitägigem Ritt durch die Wälder ihre Hütte betrat, beugte sich die Alte über einen dampfenden Kessel und murmelte unverständliche Worte. Ehrfürchtig blieb Wodo an der Tür stehen.

     „Komm nur näher, mein Sohn“, kicherte Desmona. „Ich weiß schon, weshalb du gekommen bist.“

     „Woher weißt du das? Ich habe doch mit niemandem gesprochen?“

     „Die alte Desmona weiß alles. Du willst die Liebe von Edelgard, habe ich Recht? Und sie damit deinem Bruder stehlen.“

     „Ich, ich...“ Wodo sah zu Boden. „Ich wollte dich bitten, weise Desmona, mir ein Elixier zu mischen, sodass Edelgard in Liebe zu mir entflammt.“

     „Warum willst du das? Aus Eigennutz? Du weißt, dass sie den Erben von Sie-beneichen unter dem Herzen trägt?“, krächzte die Hexe. „Niemand wird dem Kna-ben sein rechtmäßiges Erbe streitig machen können.“

     „Was rätst du vor?“ Wodo trat näher an die Alte heran.

     Sie sah ihn listig an. „Warum willst du nur die Frau, wenn du das ganze Land haben kannst? Gerold befindet sich doch im Krieg, da kann viel geschehen.“

     „Das ist eine gute Idee!“, rief Wodo. „Was verlangst du als Lohn dafür?“

     „Oh, nicht viel. Nur Roseburg.“

     „Roseburg?“

     „Ja, was ist es dir noch wert, wenn du das große Siebeneichen haben kannst?“

     Als Wodo wieder in Roseburg war, schrieb er falsche Briefe und las sie der Edelgard vor. Er berichtete ihr, Gerold sei im Kampf gefallen.

     Edelgard weinte drei Tage um ihren Geliebten und ließ niemanden zu sich. Wodo wartete geduldig, doch am vierten Tage forderte er Einlass.

     Edelgard saß am Fenster und blickte traurig hinaus. Wodo kniete sich nieder, nahm ihre Hand und legte einen Ring hinein. „Meine Holde“, sprach er, „da mein Bruder gestorben ist, bin ich der rechtmäßige Erbe von Siebeneichen. Mir gehört das ganze Land. Eine Liebe zu mir ist nun ohne jede Sünde. Mein Wunsch ist es, dass du an meiner Seite weiterhin Herrin von Siebeneichen bleibst.“

     Edelgard entzog ihm ihre Hand und warf den Ring in eine Ecke. Wodo stand wütend auf. Er packte sie am Arm, zog sie an sich, um sie zu küssen. Edelgard schlug ihm ins Gesicht. „Du vergisst, dass ich Gerolds Sohn unter dem Herzen trage. Er ist der rechtmäßige Erbe von Siebeneichen.“

     Wodo blickte sie hasserfüllt an. „Du schlägst mein großzügiges Angebot aus? Ich biete dir meine Liebe, dieses Land und du schlägst mir ins Gesicht?“ Mit zor-nigen Schritten verließ er Edelgards Kammer und schloss sie darin ein. Nur die alte Magd Kathi durfte bei ihr bleiben. So verbrachte Edelgard sehnsüchtig Tag um Tag, Nacht um Nacht, in der Hoffnung, bald Gerolds Erben in den Armen zu halten.

     Jeden Abend besuchte sie ein schwarzer Rabe. Mal brachte er ihr eine Feder, mal eine Rose oder den Zweig eines Eichenbaumes. Als der Tag ihrer Niederkunft kam, gebar Edelgard einen kräftigen Sohn. An genau diesem Abend besuchte sie der Rabe und überbrachte ihr einen Brief.

     Erstaunt öffnete Edelgard den Umschlag. „Kathi!“, jauchzte sie, „Gerold lebt!“ Sie konnte es nicht fassen. „Er ist auf dem Wege zu uns, um mich zu holen. End-lich können wir nach Hause.“

     Kathi nahm Edelgard in die Arme und wiegte sie hin und her. „Ich habe ge-wusst, dass alles gut wird“, sagte sie und Tränen glänzten in ihren Augen. „Ich kann mich auf meine alte Freundin verlassen.“ Die Magd nickte dankbar dem Raben zu, der krächzend davonflog.

     Auch Wodo erhielt die Nachricht, dass sich sein Bruder auf dem Heimweg be-fand. Das jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein und wütend begab er sich wieder auf den Weg zu Desmona. Er riss die Tür zur Hütte auf. „Dein Zauber hat nicht gewirkt!“, schrie er. „Edelgard liebt mich immer noch nicht. Gerold lebt. Mein Bruder wird mich töten.“

     „Was machst du dir Sorgen?“, sagte die Alte listig. „Edelgard hat zu einem Zeitpunkt entbunden, wo niemand wissen kann, wer der Vater ist. Und der Erbe von Siebeneichen hat lange auf sich warten lassen. Jeder kann es also gewesen, ein Diener, der Koch oder gar ein Landstreicher. Du musst es deinem Bruder nur alles gut erklären. Er wird seine Gemahlin aus Eifersucht töten lassen und selbst vor Gram sterben.“

     Wodo überlegte einen Augenblick. „Ein guter Ratschlag ist das“, sagte er.

     „Aber vergiss dein Versprechen nicht“, krächzte Desmona. „Nun will ich nicht nur Roseburg für meine Dienste, sondern auch die Wälder drumherum.“

     „Das kannst du gerne haben“, lachte Wodo übermütig. „Wenn ich erst einmal Herrscher von Siebeneichen bin und Edelgard besitze, wozu brauche ich dann Rose-burg und diese armseligen Wälder?“ Er machte sich eilig auf den Rückweg.

     Desmona schaute ihm nach. Dann breitete sie die Arme aus, die sich in schwarze Schwingen verwandelten. Als ein großer Rabe flog sie in Richtung Siebeneichen.

     Wodo ließ eilig alles für einen festlichen Empfang Gerolds herrichten. Doch Gerold hatte keinen Blick für all den Prunkt, als er mit seinem Gefolge eintraf. Er fragte zuerst nach Edelgard, die er so schmerzlich vermisst hatte.

     „Bruder, ich habe das treulose Weib eingesperrt. Sie hat mit dem Koch gebuhlt und unlängst einem Knaben das Leben geschenkt, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist.“

     Gerold sank in die Knie, vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Müde stand er nach einiger Zeit auf. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Er war ein gebrochener Mann.

     Sofort war Wodo an seiner Seite. „Bruder, es ziemt sich nicht, diese Buhle länger zum Weibe zu haben.“

     „Was soll ich tun, Wodo. Was schlägst du vor?“, fragte Gerold und ging müden Schrittes zu seinem Pferd.

     „Ich werde sie mit dem Kinde in den Wald führen und töten lassen.“

     Gerold sah seinen Bruder schmerzerfüllt an, doch dann sprach er: „So tue, was du für richtig hältst.“ Er ritt mit seinem Gefolge schweren Herzens davon.

     Wodo schaute ihm lange nach, dann rieb er sich siegesgewiss die Hände. Er war seinem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Anschließend ließ er Edelgard und ihren Sohn aus der alten Hütte holen, übergab sie seinen Handlangern und befahl, beide zu töten.

     Die Knechte führten Edelgard mit ihrem Säugling immer tiefer in den Wald hinein. Erst folgte nur ein Rabe, dann waren es zwei, bald eine ganze Schar. Zu den Raben gesellten sich Elstern und Sperlinge, sodass es den Knechten höchst un-heimlich wurde.

     „Was hat sie denn getan?“, flüsterte einer der Männer. Ein anderer zuckte mit den Schultern: „Ich weiß es nicht.“ Ein Rabe hackte einem Dritten ins Ohr, ein wei-terer pickte ihm in die Hand.

     „Kommt, überlassen wir sie den wilden Tieren. Sollen die sie doch zerreißen. Das ist besser, als unsere Hände mit ihrem Blute zu beflecken.“

     Sie ließen Edelgard allein zurück und machten, dass sie weg kamen. Zum Beweis töteten sie unterwegs ein Lamm und brachten Wodo die Zunge mit.

     Edelgard setzte sich weinend auf einen Baumstumpf und wiegte ihren Sohn, der noch nicht einmal zwanzig Tage alt war. Er schrie, da er Hunger hatte und ihre Milch nicht mehr ausreichte. Die Raben, Elstern und Sperlinge ließen sich zu ihren Füßen nieder. Der größte Rabe trat hervor, legte eine Rose zu ihren Füßen. Dann drehte er sich zu der Vogelschar um, begann heftig zu krächzen und schlug mit seinen Flügeln. Plötzlich erhoben sich die Vögel in die Lüfte und staunend sah Edel-gard, wie sie emsig hin- und herflogen und ihr Reisig, Nüsse, Kräuter und Wurzeln brachten.

     Im selben Augenblick sah Edelgard eine Ricke mit ihrem Kitz auf einer kleinen Lichtung, begleitet von dem großen Raben. Offensichtlich wies er ihr den Weg, denn sie ließ sich neben dem Knaben nieder. Edelgard legte ihren Sohn an die Zitzen der Ricke und er trank, bis er gesättigt war, während das Kitz friedlich graste.

Und so kam es, dass Edelgard sich mit Hilfe der Vögel eine kleine Hütte baute und mit Nüssen, Wurzeln, Beeren und Kräutern versorgt wurde. Die Ricke besuchte sie drei Mal am Tage und ließ den Knaben trinken. Am Abend saß der größte der Raben auf einem der Äste und bewachte den Schlaf Edelgards und des Erben von Sie-beneichen.

     Gerold war nach Siebeneichen zurück geritten, aber er starb nicht vor Gram, wie Wodo gehofft hatte, sondern zog sich mürrisch und griesgrämig zurück. Sein Volk litt unter der Traurigkeit. Wo es früher Feste und Jahrmärkte gab, war nur noch Schweigen. Niemand getraute sich ein lautes Wort zu sagen oder gar zu la-chen.

     Als er eines Tages einsam durch die Wälder streifte, weckte eine stattliche Ricke sein Interesse. So rief er nach sechs Jahren das erste Mal wieder zur Jagd auf. Er suchte die Ricke und als er ihrer gewahr wurde, verfolgten seine Hunde das Tier und eine wilde Hetzjagd begann, immer weiter und weiter in den Wald hinein. Die Jäger kamen längst nicht mehr nach und plötzlich war er allein. Das laute Gebell seiner Rüden beendete jäh den wilden Ritt, sein Pferd bäumte sich auf und blieb vor einer Hütte aus Reisig stehen. Eine Frau, nur spärlich bekleidet, mit Reisigzwei-gen in der Hand, versuchte die Hunde zu vertreiben. Die Ricke drängte sich dicht an ihre Seite und die Frau strich zärtlich über das Fell, um sie zu beruhigen.

     Gerold rief seine Hunde zurück. „Wer bist du?“, fragte er verwundert.

    „Eine arme Frau, die hier im Walde lebt“, erwiderte Edelgard erschrocken, senkte den Kopf und versuchte, ihre Blöße zu bedecken.

     Gerold warf ihr seinen Mantel zu. „Warum hast du kein anständiges Kleid?“, fragte er.

     „Es ist mit den Jahren zerschlissen.“ Edelgard wickelte sich in den Mantel und getraute sich nicht, ihr Gesicht zu erheben.

     „Wie lange bist du schon hier?“

     „Sechs Jahre und drei Monde.“ Ein nackter Knabe krabbelte aus der niedrigen Hütte und klammerte sich an die Mutter.

     „Wem gehört der Knabe?“ Gerold schaute in das sommersprossige Kinder-gesicht.

     „Das ist mein Sohn, sein Vater ist Gerold von Siebeneichen.“ Sie legte be-schützend ihren Arm um die Schultern des Jungen.

     Gerold erschrak. „Wie kommst du hierher und wie heißt du?“, wollte er weiter wissen.

     „Mein Name ist Edelgard.“

     Als Gerold den Namen hörte, stöhnte er schmerzlich auf. Seine Gefolgsleute kamen langsam näher und ein Jäger konnte gerade noch hinzuspringen und Gerold auffangen, der ohnmächtig vom Pferd zu fallen drohte.

Sie betteten ihn ins Moos und benetzten seine Lippen mit frischem Quellwasser. Ein Diener hielt fürsorglich seinen Kopf. „Schau, ob sie ein Mal auf der rechten Wange hat“, bat Gerold schwach, als er wieder zu sich kam. 

     Der Lakai kam eilig zurück. „Sie hat ein Mal auf der rechten Wange.“

     „Dann schau, ob sie einen Ring trägt mit einem roten Herzen aus Rubin.“

     Der Diener kam erneut zurück. „Sie trägt einen Ring mit einem roten Herzen.“

     Gerold stand schwerfällig auf und trat der Frau gegenüber: „Weib, wie bist du hierhergekommen?“

     Edelgard verneigte sich demütig. „Herr, Euer Bruder hat mich aussetzen lassen, weil ich ihm nicht gefügig sein wollte. Dies hier“, und sie schob den Knaben vor, „ist Euer Sohn.“

     Gerold sank in die Knie und vergrub bitterlich weinend sein Gesicht in den Händen. Sie trat zu ihm, strich ihm sanft über das weiß gewordene Haar und reichte ihm die Hand. Er sah in ihre Augen, in denen er tiefe Liebe erkannte.

     „Bringt meine Gemahlin Edelgard und meinen Sohn nach Siebeneichen!“, befahl Gerold seinem Gefolge und schwang sich beschwingt auf sein Pferd.

     Am nächsten Tage ließ Gerold den großen Hof schmücken, Musikanten wurden bestellt und im Dorf fand ein Jahrmarkt statt. Die Menschen sangen und lachten und schmückten sich für das Fest. Es wurde gekocht, gebacken und getanzt. Die Kinder liefen kreischend umher. Auf dem Platz unter den sieben Eichen wurde eine festliche, endlos lange Tafel mit den köstlichsten Speisen hergerichtet. Auf einer Bank saßen Gerold und Edelgard und stellten stolz ihren Sohn dem Volke vor.

     „Was soll mit dem Übeltäter geschehen, der uns das alles angetan hat?“, fragte Gerold seine Edelgard „Sollen wir ihn vierteilen?“

     „Ach nein“, sagte sie milde, „er soll das gleiche Schicksal erleiden, das ich erduldet habe.“

     Auf einem irdenen Teller wurde Edelgard ein köstliches Stück Fleisch serviert. Sie schob das Geschirr beiseite. „Nein“, sagte sie, „mein Magen verträgt das nicht mehr. Er ist an Kräuter und Wurzeln gewöhnt. Die Tiere sind zu meinen Freunden geworden, sie dienen mir nicht mehr als meine Nahrung.“

     Auf einem Ast einer Eiche saß ein großer Rabe. Sie winkte ihm zu. Sofort flog er, gefolgt von Elstern und Sperlingen, zu ihr hinunter und die Vögel legten Beeren und Nüsse auf ihren Teller. Nur der große Rabe ließ eine Rose fallen. Als er wegflog, kullerte eine kleine Abschiedsträne über Edelgards Schulter.

     Wodo wurde tief in den Wald gebracht und niemand hatte seither von ihm gehört. Edelgard widmete sich der Kunde von Heilkräutern und bereitete Arznei daraus. Fortan kümmerte sie sich um die Kranken des Landes. Roseburg und die Wälder darum herum wurde ab sofort zu einem Vogelschutzgebiet und von Desmo-na, dem schwarzen Raben, regiert, die es fürsorglich bewachte.

     In Siebeneichen wird wieder gefeiert und gelacht und es soll, wie ich gehört habe, dort noch heute ein recht lustiges Völkchen leben. Geht man durch den Wald, hört man von allen Seiten fröhliches Gezwitscher und für einen Augenblick vergisst man alle seine Sorgen. Wenn man ganz viel Glück hat, sieht man einen großen, schwarzen Raben in den Ästen von Siebeneichen, der sein Reich sorgfältig bewacht.

 

© Monique Lhoir

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