Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Der Bischof und Wangelau

     „Pater Johannes, wie konnte das geschehen?“ Bi-schof Gottschalk betrat den dunklen Nebenraum des neu gebauten Domes in Ratzeburg. Er hielt ein Perga-ment in der Hand und schwenkte es aufgeregt hin und her.

     Pater Johannes schnellte von seinem Holzstuhl hoch. Dabei stieß er an den wackeligen Tisch. Klirrend fiel das Fässchen mit der Tinte um und ergoss sich auf den Fußboden. „Hochwürdigster Herr…“, stotterte Pa-ter Johannes. Er versuchte, die Bescherung mit seiner langen Kutte zu verbergen.

     „Ich sage doch, Er ist ein Tölpel“, schimpfte Bischof Gottschalk weiter. „Hat Er wieder zu viel von dem roten Weine getrunken?“ Er kam näher an den Pater heran, der seinen Kopf demütig senkte. Damit wurde der ohnehin schon kleinwüchsige Pater ein weiteres Stück kürzer und reichte dem Bischof nicht einmal mehr bis zur Brust.

     „Sieh Er mich an“, forderte der Bischof auf. Vorsich-tig hob Pater Johannes den Kopf. Der Bischof hielt ihm das Pergament unter die Nase. „Hat Er das geschrie-ben?“ Der Pater streckte seine Nase näher auf das Per-gament. Er konnte schlecht sehen, seine Augen wurden immer schlechter und das Licht, das in den dunklen Raum des Domes eindrang, war mehr als spärlich. „Ach, lass Er es.“ Der Bischof zog das Pergament zurück und las vor: „Rosborch, Nvssowe, Mussen, Pampowe, Sabenize, Lelekowe, Wankelowe“, er hob seine Stimme, bevor er weiter zitierte: „Elmhorst, Cemerstorp, und so weiter. Hat Er das geschrieben?“, wiederholte er seine Frage.

     „Das habe ich geschrieben, wie Ihr mir aufgetragen habt, Euer Hochwürden“, gab Pater Johannes kleinlaut zur Antwort.

     „Dann weiß Er auch“, setzte Bischof Gottschalk nach Luft schnappend seine Strafpredigt fort, „dass Er das Dorf Wankelowe (Wangelau) der Parrocchia (Kirchen-spiel) Ad septem Quercus (Siebeneichen) zugeordnet hat und das Dorf Cankelowe (Kankelau) der Parrocchia Lutowe (Lütau).“

     „Ich ordnete alles so zu, wie Euer Hochwürden es mir vorgegeben hat“, stottert Pater Johannes. „Möchte Euer Hochwürden die Papiere sehen?“ Der Pater wies mit dem Kopf auf einige Pergamentstapel, die auf einer Truhe lagen.

     „Papperlapapp“, erwiderte der Bischof. „Er hat den Buchstaben „W“ mit dem Buchstaben „C“ verwechselt.“

„Ich werde es korrigieren“, erklärte Pater Johannes eil-fertig und griff nach dem Pergament.

     Der Bischof zog es weg. „Er wird nichts korrigieren“, antwortete er ungehalten. „Pergament ist teuer und schwer zu beschaffen. Es dürfen weder Flecken noch Schmierereien darauf erscheinen.“

     „Aber…“

     „Kein Aber.“ Der Bischof wandte sich zum Gehen. „Es wird sowieso niemand bemerken, wenn die einzel-nen Pergamente erst einmal gebunden sind und im Dom verschlossen aufbewahrt werden.“ Er verschwand durch die niedrige Tür. Nach der Aufregung mit Pater Johannes benötigte er dringend ein Glas von diesem vollmundigen roten Weine, der vorigen Monat aus dem Süden geliefert worden war.

 

© Monique Lhoir

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