Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Hilfe, wie finde ich eine Story!

Schreibwerkstatt

 

Nachdem sich mein Charakter Otto Müller, im realen Leben Finanzbeamter aus Zimmer 207, als russischer Spion für einen Krimi als völlig ungeeignet erwies, saß ich tief frustriert und völlig unbefriedigt vor meinen Computer.

Wie kam ich nun zu meiner Story? Noch einmal von vorn beginnen und einen neuen Charakter suchen?

Nach langen Überlegungen entschloss ich mich, es mit der althergebrachten Karteikartenmethode nach Jack M. Bickham „Short Story – Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen" zu versuchen.

In meiner Schublade fand ich zum Glück unzählige vergilbte Karteikarten. Tief motiviert und voller Arbeitsdrang setzte ich mich an meinen Schreibtisch, schnappte mir einen Filzstift und begann – aber womit?

Otto Müller fiel mir wieder ein. Warum hatte dieser Mann keine Frau, keine Familie? Warum lief er so gebeugt? Woher kamen die tiefen Falten um seine Mundwinkel? Wieso besaß er kein Auto, bekam nie Besuch, ging derart sparsam mit seinem Geld um? Sicher gab es ein Geheimnis um ihn, das zu ergründen sich lohnte.

In Gedanken versunken kritzelte ich meine Überlegungen in Stichpunkten auf diverse Karteikarten: seine Frau verließ ihn vor Jahren – er verlor sein Kind – er machte Schulden – er verursachte einen schweren Verkehrsunfall – ein Mensch kam dabei zu Schaden – er zog in eine andere Stadt und fühlt sich einsam – er verlernte aus Kummer den Umfang mit Menschen – und vieles, vieles mehr. Meiner Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Am Ende hatte ich an die fünfzig Karteikarten an meine Magnetwand in wahlloser Reihenfolge geheftet, verspürte Hunger und entschloss mich, meine Arbeitswut mit einem Käsebrot zu honorieren.

Kauend betrachtete ich die Kärtchen, schob eines hierhin und eines dorthin, bis sich daraus allmählich eine chronologische Struktur entwickelte, ein so genannter roter Faden.

Ich entschied, dass Otto Müller vor Jahren mit seiner Frau und einer fünfjährigen Tochter in einem Eigenheim am Ortsrand von München gewohnte. Während eines Ausflugs zum Starnberger See kam ihm auf der Autobahn ein Geisterfahrer entgegen. Als er ausweichen wollte, geriet der Wagen von der Straße ab und stürzte eine Böschung hinunter. Seine Frau und sein Kind waren auf der Stelle tot. Der Geisterfahrer wurde nie gefunden, aber Otto Müller erinnerte sich daran, dass es ein teurer, dunkler Mercedes mit einem Hamburger kennzeichnen war.

Nachdem er Frau und Kind beerdigt hatte, schwor er, sich nie wieder hinters Steuer zu setzen. Sein Ziel war es, den Mann zu suchen und zur Strecke zu bringen, der das Leben seiner Familie zerstörte – und das konnte er am besten als kleiner Finanzbeamter in Hamburg in der Abteilung für Kraftfahrzeugsteuern.

Ein Melodram. Mir lief eine Träne die Wange hinunter. Mein Groll gegen Otto Müller war verflogen. Der Mann tat mir unendlich leid.

Trotzdem – die Geschichte kann auch eine völlig andere werden, wenn ich meine Kärtchen von rechts nach links verschiebe und so einen neuen roten Faden schaffe.

Aber das ist wieder eine ganz andere Story – deshalb: die erarbeiteten Kärtchen gut verwahren.

 

© Monique Lhoir



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