Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr

1. Akt: Die Seelenfänger

24. November 2004

     „Ich suche eine neue Wohnung in Geesthacht.“ Meine Kollegin stand in meinem Büro. Sie rauchte gerade eine Zigarette.

     „Warum?“, fragte sie.

     „Hamburg ist zu weit weg, die Mieten dort werden immer teurer und die Benzinpreise ebenfalls. Da lohnt es sich gar nicht mehr, arbeiten zu gehen“, erwiderte ich und blätterte die Zeitung durch.

     „Schau mal hier.“ Ich hielt ihr eine Anzeige unter die Nase. „!!! KAUFEN ist BILLIGER als MIETEN !!!“

     „Wie groß?“

     „Ungefähr achtzig Quadratmeter. Ohne Eigenkapital soll diese Wohnung monatlich ungefähr dreihundert-dreißig Euro Zinsbelastung kosten. Das ist nicht mal die Hälfte meiner derzeitigen Miete.“

     „Wer das glaubt“, gab sie zur Antwort. „Da gibt es sicherlich einen Haken.“

     „Ich kann ja mal anrufen“, erwiderte ich, griff zum Telefonhörer und führte ein kurzes Telefonat.

     „Und?“, fragte meine Kollegin neugierig.

     „Ich kann gleich vorbeikommen. Er hat mir sofort einen Termin für elf Uhr dreißig gegeben. Das ist in einer Stunde.“ Ich zuckte mit den Schultern. Merkwür-dig. Das ging ja rasend schnell. Wer weiß, was das für ein Ladenhüter war.

     „Wo ist das?“, fragte meine Kollegin.

     „Hier in Geesthacht. Er hätte sein Büro im „Roten-burgsorter Weg Nummer 8“. Das müsste in der Ober-stadt sein.“

     „Na dann viel Glück.“ Sie verließ mein Büro. Ich schaute im Stadtplan nach. Es lag nur ungefähr zehn Minuten vom Büro entfernt.

                                               …

     Ich klingelte. Sofort wurde mir geöffnet. „Guten Tag, mein Name ist Lothar Wende. Gehen wir in mein Bü-ro.“ Ich wunderte mich. Das sogenannte Büro lag in einem Mehrfamilienhaus im Erdgeschoss und bestand aus vier Räumen, eher war es eine Wohnung. „Sie inter-essieren sich für eine Immobilie in Geesthacht“, begann Herr Wende das Gespräch. „Ich bin von der Firma Alt & Kleber. Wir sind eine Wohnungsprivatisierungsgesell-schaft und haben den Auftrag, verschiedene Wohnung in Geesthacht zu verkaufen“, erläuterte er kurz. „Wie groß soll Ihre Immobilie denn sein?“, fragte er weiter.

     „Ich benötige schon ungefähr achtzig Quadratme-ter“, sagte ich. „Wir sind ein Drei-Personen-Haushalt und mein zwanzigjähriger Sohn lebt im Augenblick noch bei uns.“

     „Da habe ich etwas für Sie.“ Er zog eine Grundriss-zeichnung hervor. „Die Wohnung liegt in der Unter-stadt von Geesthacht und hat vier Zimmer, Küche und Badezimmer.“ Ich sah auf die Zeichnung. „Die Woh-nung ist sehr begehrt“, sprach Herr Wende weiter. „Es ist eine Eckwohnung im Untergeschoss am Ende einer Sackgasse. Sehr ruhig gelegen.“

     „Und wie teuer soll die sein?“, fragte ich.

     „Sie kostet etwas über achtzigtausend Euro. Ich ma-che Ihnen einen Finanzierungsplan, damit Sie sehen, wie das alles so aussehen würde.“ Er zog ein Blatt her-vor und begann zu schreiben. „Sehen Sie“, sagte er und drehte mir das Papier zu. „Bei null Euro Eigenkapital hätten Sie eine monatliche Belastung inklusive aller Nebenkosten von fünfhundertsechzig Euro. Eine Miete inklusive Nebenkosten bei einer gleichgroßen Wohnung würde sechshundertzwanzig Euro betragen. Sie sparen nicht nur, sondern wirtschaften auch noch in die eigene Tasche. Zusätzlich erhalten Sie eine Eigenheimzulage von jährlich eintausendeinhundertundfünfzig Euro, und das acht Jahre lang. Aber Sie müssen sich rasch entscheiden, denn diese Zulage gilt nur noch für angeschafften Wohnraum in diesem Jahr.“

     „Ich weiß nicht.“ Ich zögerte. Mir ging das alles viel zu schnell. "Außerdem hätte ich gerne eine Garage dabei. Gibt es Garagen?"

     "Aber natürlich können Sie auch eine Garage kau-fen", versicherte Herr Wende. "Wenn Sie sich für die Wohnung entschließen, besorge ich Ihnen selbstver-ständlich eine passende Garage." Ich zögerte „Wenn Sie wollen, können Sie die Wohnung sofort besichtigen“, bot Herr Wende an.

     „Ist sie denn nicht bewohnt?“, fragte ich verwundert.

     „Die Handwerker sind gerade dabei, die Immobilie anzustreichen. Sie können einfach hineinspazieren und sich zwanglos umsehen.“ Er gab mir die Adresse, wir tauschten Telefonnummern und Adressen aus und ich verließ ziemlich überrumpelt das Büro.

                                               ...

     Ich fuhr in die Unterstadt von Geesthacht und suchte den Klaus-Groth-Weg. Sehr gepflegt mutete die Gegend nicht an, eher wie eine Siedlung mit Sozialwohnungen. Doch ich konnte mich auch täuschen. Die Nummer siebzehn fand ich sofort. Die Haustür sowie die Woh-nungstür standen offen. Sämtliche Zimmertüren waren ausgehangen. Es roch nach Farbe.

     „Hallo!“, rief ich, „ist hier jemand?“ Es war Mittags-zeit. Wahrscheinlich machten die mir angekündigten Handwerker gerade Pause. Ich ging in die Wohnung. Die Größe stimmte, aber trotz teilweise neuer Grundie-rung sah die Immobilie ziemlich verkommen aus. Der angekündigte Farbanstrich bestand aus einer billigen Farbe, die direkt an die abgekratzten Wände – ohne diese plan zu spachteln – gepinselt wurde. Die Woh-nungstüren machten den Anschein, als hätten sich die Hottentotten nach einem Wutanfall daran ausgelassen. ‚Na ja, die würden sicherlich ausgetauscht‘, dachte ich. Denn in diesem Zustand konnte man keine Wohnung verkaufen. Gut, die Wände wären sowieso individuell zu gestalten. Sollte man sich für diese Wohnung ent-schließen, bedeutete dies nicht nur viel Arbeit, sondern enorme zusätzliche Investitionen.

     Ich spazierte durch die Räume. Das Wohnzimmer ging ins Grüne hinaus, die Küche zu einem Balkon, der ebenfalls in einem ziemlich abgewohnten und sanie-rungsbedürftigen Zustand war. Die Aussicht aus dem Schlafzimmer und den beiden Kinderzimmern bestand aus einem unschönen Häuserblock. Okay, nachts schlief man ja.

     Ziemlich ratlos verließ ich die vielgepriesene Immo-bilie und fuhr ins Büro zurück. Ich war mir absolut nicht sicher, ob eine solche Entscheidung richtig war. Eine so verkommene Wohnung hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

                                          …

     Am Nachmittag rief mich Herr Wende an. Ich erklär-te ihm den Zustand der Immobilie und dass ich unter diesen Voraussetzungen mich nicht so kurzfristig ent-scheiden könnte.

     „Es wird alles erneuert“, versicherte er. „Sie haben gesehen, dass die Handwerker gerade dabei sind, die Räume herzurichten. Natürlich gehören dazu auch die Wohnungstüren. Ebenfalls werden die Bal-kone und Fassaden von der Deutschen Anning-ton saniert und den heutigen Gegebenheiten angepasst. Damit haben Sie als neuer Eigen-tümer gar nichts zu tun und gehört mit zum Kaufpreis.“ Er machte mich mit Nachdruck noch einmal darauf aufmerksam, dass es einen entschlos-senen Mitbewerber gäbe sowie die Zulage für ange-schafften Wohnraum Ende des Jahres ablaufen würde. Es wäre ein einmaliges Schnäppchen. Außerdem hätte er eine passende Garage für mich gefunden, die die Annington zu dieser Wohnung verkaufen würde.

Garage! Aber das ist eine ganz andere, sehr kuriose Geschichte.

                                              …

     Ich überschlief die Angelegenheit. Am nächsten Mor-gen meldete sich Herr Wende erneut und bot mir an, nochmals in sein Büro zu kommen. Ich war weiterhin unentschlossen. Nachdrücklich versicherte er mir, dass es ein einmaliges Schnäppchen und Immobilien sichere Anlagenarten seien. Um seine Aussage zu unterstützen gab er mir eine Visitenkarte von der Sparkasse Hol-stein. „Machen Sie einen Termin“, erklärte er. „Wir arbeiten mit der Sparkasse zusammen. Sie werden se-hen, dass es sich hier um ein solides Angebot handelt. Der zuständige Sachbearbeiter wird sie fachkundig über die Finanzierung und Ihre Steuervorteile beraten.“ Also, im Überrumpeln und in seiner Funktion als See-lenfänger war Herr Wende gut.

 

2. Akt: Die Finanzierer

Weihnachtsgeschichten-Adventskalender

Jeden Tag eine neue Geschichte bis Weihnachten

Mit dem Verkauf meiner Bücher unterstütze ich das Schulprojekt in Buduburam/Ghana der

DAG's

Liberia-Hilfe e.V.

Buchtipp!

Christine Konstantinidis

Kreative Methoden für Motivation und maximalen Erfolg