Monique Lhoir ... Geschichten, Meer und noch mehr
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Hilfe, wie finde ich einen Charakter!

Schreibwerkstatt

 

Jede Story, ob kurz oder lang, benötigt in der Regel einen starken Charakter, eine Hauptfigur, einen Helden, jemanden, an den sich die LeserInnen erinnern, mit dem sie leiden, trauern oder sich freuen können. Meist steht oder fällt die Geschichte mit dem Charakter.

Doch wir wissen alle, wie schwierig es ist, immer wieder neue Charaktere für unsere Storys zu finden. Sie müssen außergewöhnlich und einprägsam sein und Besonderheiten aufweisen. Bevor wir über eine Hauptperson zu schreiben beginnen, sollten wir sie sehr gut kennen: Name, Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, Augen- und Haarfarbe, Narben, Behinderungen, Bildung, Lebenssituation u.v.m.

Bücher von Sol Stein, Syd Field oder Christopher Keane beschäftigen sich ausführlich mit der Entwicklung eines Charakters. Christopher Keane gibt uns z.B. eine sehr interessante und amüsante Übungsaufgabe: „Beobachten Sie jemanden, der sich unbeobachtet fühlt. Betrachten Sie ihn wie unter einem Mikroskop. Anschließend schreiben Sie wie ein Wissenschaftler auf, was Sie gesehen haben."

Nun, ich schritt zur Tat. Über uns wohnt ein unscheinbarer Mann, ich schätze ihn auf Mitte Vierzig. Man sieht ihn selten, höchstens zweimal im Jahr im Treppenhaus. Auch bewegt er sich kaum hörbar in seiner Wohnung. Er ist so gut wie gar nicht vorhanden und als Charakter einer Story völlig ungeeignet.

Wie es der Zufall nun will, genieße ich eines Tages zwischen zwei Arztbesuchen einen Cappuccino in einem kleinen Café nebenan. Zwei Tische von mir entfernt sitzt ein Mann. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Kaffeetasse nimmt er mit zwei Fingern auf, in meinen Augen völlig unmännlich, nippt kurz daran und setzt sie wieder ab. Er hat eine aufgeschlagene Zeitung vor sich, beugt sich tief darüber, als ob er kurzsichtig wäre. Seine Nase berührt fast das Papier. Seine spärlichen grauen Nackenhaare stehen ab. Er faltete die Zeitung langsam und sorgfältig zusammen und steckt sich in eine labbrige, zerkratzte Aktentasche. Aus einer Geldbörse holt er ein paar Münzen, zählt sie ab, legt sie auf den Tisch und steht auf. Sein Kopf verschwindet fast zwischen den hochgezogenen Schultern, so als ob er sich verstecken wollte. Gebückt und mit schlurfenden Schritten geht er zum Ausgang, überquert die Straße und verschwindet in unserem Hauseingang. Jetzt fällt es mir wieder ein: Es war der Mann, der über uns lebt.

Nach meinem Arztbesuch schaue ich auf den Klingelknopf: Otto Müller. Ich suche die Fensterreihen ab. Nur in einem Zimmer brennt ein schwaches Licht. Schnell gehe ich in meine Wohnung. Ich verhalte mich mucksmäuschenstill. Über mir ist nichts zu hören, nicht der leiseste Ton. Neugierig schleiche ich durch den Flur in die obere Etage. Nichts. Es ist gespenstisch ruhig.

‚Was mag er wohl für ein Mensch sein?', überlege ich, während ich meinen PC einschalte. Keine Frau, keine Kinder, nie sieht man ihn. Morgens geht er offenbar sehr früh aus dem Haus, so früh, dass ich es gar nicht mitbekomme. Ein Auto besitzt er ebenfalls nicht. Nie empfängt er Besuch.

Ich hab's. Sicherlich ist er in geheimer Mission unterwegs. Vielleicht ein amerikanischer Agent? Oder gar ein russischer Spion? Deshalb diese unauffällige Verhaltensweise, deshalb diese geduckte Haltung, deshalb dieser Allerweltsname. Er kann gar keine Familie haben. Nichts darf auf seine Identität hinweisen. Mir wird kalt und heiß zugleich, als ich zu der Erkenntnis komme, dass ich mit einem wichtigen Spion in einem Hause wohne. Ich lausche noch einmal. Höre ich da nicht ein dumpfes Klicken, so, als ob jemand mit einem Schalldämpfer auf etwas schießt?

Um mich abzulenken, beginne ich meine Kriminalstory zu schreiben – ich habe meinen Helden gefunden.

 

Zwei Tage später finde ich mich zu einem Termin beim Finanzamt ein. Ich habe es versäumt, meine Einkommensteuererklärung rechtzeitig abzugeben, und betrete unterwürfig das Zimmer 207. In der Tür bleibe ich wie angewurzelt stehen.

„Nehmen Sie Platz", schnarrt eine Stimme. Otto Müller sitzt hinter dem alten Schreibtisch, die Nase dicht über das Papier gebeugt.

Wie gut, dass ich meine Story fertig habe. Ob er wohl weiß, dass er darin die Hauptrolle spielt?

 

© Monique Lhoir



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